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Krank durch Medizin
Überflüssige Therapien verwandeln viele Gesunde dauerhaft in Patienten. Pro Jahr werden in Deutschland 40.000 Vorwürfe wegen Kunstfehlern erhoben, wovon sich knapp 12.000 als tatsächliche Behandlungsfehler nachweisen lassen. Sehr häufig werden Medikamente zur Gefahr. 50.000 Fertigarzneimittel gibt es in deutschen Apotheken, und das, obwohl die von der Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegebene Liste der unentbehrlichen Medikamente nur 325 Wirkstoffe enthält.
Jedes Jahr sterben in Deutschland 20.000 Menschen an den Folgen von Medikamenten; ihre Nebenwirkungen sind Ursache für zwei bis zehn Prozent aller Krankenhauseinweisungen, was zu Kosten in Höhe von etwa 500 Millionen Euro führt. Eine amerikanische Analyse offenbart, dass unerwünschte Arzneimittelwirkungen in medizinisch hochgerüsteten Industriestaaten die vierthäufigste Todesursache sind; nach koronarer Herzkrankheit, Tumorerkrankungen und Schlaganfällen, aber noch vor Lungenentzündungen, Diabetes und Unfällen. In welchem Ausmaß Krankheitserfinderei zu der gefährlichen Pillenflut beiträgt, ist zwar nicht bekannt. Es ist jedoch eher die Regel als die Ausnahme, dass Menschen zur gleichen Zeit mehrere Arzneimittel schlucken. »Es erscheint kaum glaublich«, so die Münchner Medizinische Wochenschrift, »aber manche Patienten werden tatsächlich mit bis zu 60 und mehr Substanzen gleichzeitig behandelt. Schätzungsweise 22 Prozent aller Nebenwirkungen lassen sich darauf zurückführen, dass zu viele Medikamente durcheinander geschluckt wurden.
Weniger Arztgläubigkeit und mehr Skepsis können Ihnen helfen, Ihre Gesundheit zu erkennen. Diagnosen und Krankheiten sind keine Naturgesetze, sondern sie beruhen auf Vereinbarungen, die von interessierter Seite getroffen worden sind. Wer zu einer Vorsorgeuntersuchung gebeten wird und wer eine Diagnose bekommt, sollte sich das vor Augen halten und vor Fragen an den Arzt nicht zurückscheuen!
Kostenexplosion ohne Gegenwert
Die umfassende Medikalisierung unseres Lebens trägt entscheidend dazu bei, dass die Gesundheitssysteme nicht mehr finanzierbar sind. Die Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung klettern Jahr für Jahr auf Rekordhöhen: von 97,6 Milliarden Euro 1991 auf 142,6 Milliarden Euro im Jahr 2002. Allein in Deutschland verdienen mittlerweile 4,1 Millionen Menschen ihr Geld im Gesundheitswesen.
Und das bedeutet eben: Sie leben davon, dass andere Menschen krank sind – oder sich krank fühlen. Wenn die Menge an Krankheit in unserer Gesellschaft »endlich« wäre, würde die Konkurrenz der Heilberufe zu einer günstigen und guten Medizin führen, vermutete die amerikanische Expertin Lynn Payer. »Weil aber Krankheit auf einem fließenden und politischen Begriff beruht«, so Payer, »können die Versorger im Grunde selbst Nachfrage schaffen, in dem sie die Definitionen von Krankheiten ausweiten.
Die derzeit zu betrachtende Plünderung des Gesundheitssystems ist die Folge. Wenn aber gesunde Menschen den tatsächlichen Kranken die Ressourcen streitig machen, dann wird das System der solidarischen Krankenversicherung in Frage gestellt. Die Gabe von Hormonen an Frauen, die nur deshalb krank sein sollen, weil sie in der Menopause sind, kostet die deutschen Krankenkassen etwa 500 Millionen Euro pro Jahr. Wahre Kostentreiber sind die Statine, jene vermeintlichen Wunderpillen, die ganz generell das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken scheinen. Die Europäische Kardiologengesellschaft plädiert dafür, die Mittel weithin zu verschreiben. Doch folgte man ihrem Herzschutzprogramm, dann würden die benötigten Statine nach jetzigem Marktpreis mit 19 Milliarden Euro jährlich so viel kosten wie zwei Drittel des Medikamentenbudgets in Deutschland (32,4 Milliarden Euro im Jahr 2000).2 Die Logik unseres Gesundheitssystems beruht jedoch darauf, dass die Finanzmittel den 20 Prozent Kranken zugute kommen – und nicht auch einem Rest von vielleicht 80 Prozent »gesunden Kranken«. Jene Beträge, die für überflüssige Behandlungen verpulvert werden, wären an anderen Stellen besser angelegt: bei der Behandlung ernster Krankheiten oder bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern.
Beschämend mutet das Herumdoktern an Wohlstandsbürgern an, wenn man überlegt, wie viele Menschen mit dem Geld in den Entwicklungsländern gerettet werden könnten: durch Hygienemaßnahmen, Zugang zu sauberem Wasser und Impfungen.